Aristoteles auf der Fuhle

Vor dem Discounter in der Fuhlsbüttler Straße campiert ein Typ, der mich an Ethan Hawke in „Before Sunset” erinnert. Er hat nicht mal ein Zelt, nur einen Schlafsack und ein paar Decken.

Den Reflexgedanken „da kann man doch nicht einfach vorbeigehen” hatte ich, als ich schon um die Ecke war. Was würde ich an seiner Stelle wollen – im Januar, in Hamburg, auf der Straße? Eine Thermoskanne! Habe ich nicht noch eine, die ich nie verwende? Die ist sogar aus Stahl, also roadtauglich. Oder wäre es vielleicht besser, wenn er – statt nur Almosen zu empfangen – im Gegenzug auch was für mich machen könnte? Und was macht er mit einer Thermoskanne ohne Kocher? Ich könnte öfter Tee vorbeibringen, liegt ja am Weg. Aber worin? Die Kanne hätte dann ja er.

Der nächste Reflex war: „vergiss es – zu kompliziert!” Die Sache überfordert mich, ich mache mich aus dem Staub. Und warum? Weil ich da keinen Halt und keine Methode habe.

Was würde mir Aristoteles[1] raten? (Aus den Nachschwingungen einer Vorlesung vor gut 16 Jahren:)

  1. Das Ziel im Auge haben: „Glück” – ihm soll es besser gehen, und mir auch.
  2. Die Mitte finden zwischen den Extremen. Was wären die hier? Zum Beispiel „Gleichgültigkeit und Überengagement”. Wenn ich die Sache so bedenke, fühlt sich eine „Nachbarschaftshilfe”-mäßige Haltung ganz gut an.
  3. Wohlberaten”, also anständig informiert und besonnen zur Tat schreiten.

Okay – ich werde mich also erstmal mit ihm beraten und dabei anbieten, zum Beispiel eine Thermoskanne zu organisieren. Vielleicht kann er ja einen Taschenofen besser gebrauchen.

  1. https://de.wikipedia.org/wiki/Nikomachische_Ethik []