Atheismus und Autismus

Leiden Atheisten an einer Gehirnentwicklungsstörung oder – höflicher ausgedrückt – „neurologischen Abweichung“, durch die sie Schwierigkeiten haben, sich in andere hineinzuversetzen? Können sie darum keine Beziehung zu Gott aufbauen? Diese Schlüsse könnte man bei oberflächlicher Betrachtung aus einer aktuellen Studie von Ara Norenzayan[1][2] und ihrer medialen Rezeption ziehen[3][4][5].

In Wirklichkeit geht es um etwas viel Spezielleres: Die Studie geht zum einen von der Annahme aus, dass ein wesentlicher Aspekt des Glaubens an einen persönlichen Gott ist, diesem eine innere Erfahrungswelt zuzuschreiben. Dabei geht man von der eigenen Selbsterfahrung aus: Ich habe Gefühle, Gedanken, Meinungen, Pläne und so weiter – also hat „er“ das auch. Hauptsächlich macht man das natürlich mit anderen Menschen, aber auch mit manchen Tieren oder – mehr oder weniger ernstgemeint – mit Dingen oder Naturphänomenen. Und eben auch mit dem Gott oder den Göttern, an die man glaubt (die Studie nennt ausdrücklich auch die Mehrzahl).

Zum anderen geht sie von dem klinisch gut gesicherten Faktum aus, dass Autisten weniger zu dieser Zuschreibung einer inneren Welt neigen.

Der logische Schluss aus diesem beiden Bedingungen ist nun, dass Autisten dementsprechend seltener oder weniger stark an einen persönlichen, denkenden, fühlenden und planenden Gott resp. solche Götter glauben müssten. Diese Hypothese wurde untersucht und bestätigt.

Dass das keine Rückschlüsse über Atheisten im Allgemeinen erlaubt, sollte auf der Hand liegen.

Denn: Der Schluss funktioniert nur in eine Richtung. Aus „Autisten glauben seltener an Gott als Durchschnittsmenschen“[6] folgt nicht „Wer nicht an Gott glaubt, ist Autist“. Genausowenig wie man aus der Feststellung „Frauen tragen seltener kurze Haare als der Rest der Bevölkerung“ schließen darf: „Wer lange Haare trägt, ist eine Frau“.

Der zweite Fehlschluss passiert immer wieder mal, und ich fürchte, der erste wird auch die Runde machen: Atheisten gehören – wie ebenfalls Ara Norenzayan in einer Studie aus dem Vorjahr feststellte[7][8] – bei Gläubigen zu den unbeliebtesten Menschen. Sie gelten als wenig vertrauenswürdig und sind von Vorurteilen betroffen wie denen, sie seien nihilistisch, egoistisch, amoralisch, kalte Rationalisten und so weiter.

Wer auch nur unterschwellig so denkt, kann die Autismus-Studie leicht missverstehen und als „empirische Bestätigung“ seiner Vorurteile verbuchen – und dabei zusätzlich übersehen, welches Unrecht er dabei autistischen Menschen tut.

Ist meine Befürchtung an den Haaren herbeigezogen? Kaum. Im christlichen Mainstream gibt es die Idee schon länger. Auf dem ökumenischen Kirchentag 2003 z. B. hat Ehrhard Neubert[9] unmissverständlich diagnostiziert: „Der Atheismus ist eine kulturelle Form des Autismus, einer krankhaften Ichbezogenheit.“[10]

  1. http://www.plosone.org/article/info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal.pone.0036880 []
  2. http://www2.psych.ubc.ca/~ara/research.htm []
  3. http://www.medicaldaily.com/news/20120531/10105/autism-asd-faith-religion-mentalizing.htm []
  4. http://science.orf.at/stories/1699359/ []
  5. http://www.scilogs.de/chrono/blog/natur-des-glaubens/sakularstudien/2012-06-01/autismus-und-atheismusforschung.-religion-zwischen-rationaler-und-sozialer-kognition []
  6. http://www.medicaldaily.com/news/20120531/10105/autism-asd-faith-religion-mentalizing.htm []
  7. http://www.patheos.com/blogs/friendlyatheist/2011/11/16/new-research-says-anti-atheist-prejudice-stems-from-distrust// []
  8. http://psycnet.apa.org/psycinfo/2011-25187-001/ []
  9. http://de.wikipedia.org/wiki/Ehrhart_Neubert []
  10. http://www.kath.net/detail.php?id=5275 []

2 Gedanken zu „Atheismus und Autismus

  1. Eine sehr gute Dar- und Klarstellung, vielen Dank!

    Fairerweise sollte man wohl noch ergänzen, dass eben gerade auch „neue Atheisten“ Religiöse gerne mit medizinischen Pseudo-Diagnosen wie „Gotteswahn“, „Virus“, „Gottesvergiftung“ etc. überzogen haben. Es bleibt zu hoffen, dass Forschung, Reflektion und Diskussion über solche Schlagabtausche hinaus gehen und wir stattdessen lernen, die Vielfalt der Menschen und ihrer Fähigkeiten wert zu schätzen.

    1. Danke, diese – eigentlich offensichtliche – Analogie hatte ich vergessen zu erwähnen. Ich empfinde das auch als unerträglich. Wenn man in so ein Fahrwasser gerät, verliert man den Respekt vor den Menschen, über deren Denken und Erfahrungen man redet.

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