Das Uhrwerk hat Nebenwirkungen

Ein Zahnrad greift ins andere. Dass morgen Mittag alle Zeiger gleichzeitig die Zwölf überqueren werden, stand gestern schon unverrückbar fest. Die Vorstellung, dass das gesamte Universum so abläuft, heißt „Determinismus“, stammt in dieser Form aus dem 19. Jahrhundert[1] und spielt heute noch eine Hauptrolle in philosophischen Texten, die unsere Freiheit leugnen. Zu Recht?

Nein, meint die Philosophin und Physikerin Brigitte Falkenburg[2] in ihrem Buch „Mythos Determinismus: Wieviel erklärt uns die Hirnforschung?[3], das sie für die aktuelle Ausgabe der „Information Philosophie“ kurz zusammengefasst hat[4]. Ihre Analyse zeigt auf, dass der heute populäre Determinismus naiv ist, d. h. dass seine Vertreter nicht ahnen, worauf sie sich da eigentlich einlassen.

Determinismus wird heute entweder als Faktum hingenommen, oder es kommt als Gegenargument die Quantenphysik als geheimnisvolle Black Box auf den Tisch mit dem Hinweis: „Da drin gibt es Ereignisse, die nicht determiniert sind“. Also Vorgänge, deren Ausgang man nicht exakt vorausberechnen kann, die zufällig geschehen, und zwar echt zufällig, ohne Grund.

Die Sache mit dem Quantenzufall ist seit über hundert Jahren bekannt. Ist damit die Idee des Determinismus erledigt, widerlegt und ins Museum zu entsorgen wie der Äther oder das Phlogiston? Kann man so sehen, und Leute wie Robert Kane[5] oder Geert Keil[6] tun das auch.

Häufiger wird aber die merkwürdige Quanten-Zauberkiste schnell wieder vom Tisch befördert mit dem Hinweis, es sei gar nicht gesagt, dass es darin wirklich diese zufälligen Ereignisse gäbe – schließlich existierten ja auch deterministische Interpretationen der Quantenphysik.

Dadurch ist die Versuchung groß, die verrückten Quantentheorien einfach von der philosophischen Tafel zu wischen und weiterhin in der heilen Welt der Physik des 19. Jahrhunderts zu denken, die uns ein verständliches und exakt berechenbares Universum beschert, in der jedes Ereignis eine Ursache hat. Der Determinist Ted Honderich[7] tut das z. B. und begründet es damit, dass er in seinem Leben noch nichts Unerklärliches erlebt habe. „Kein Löffel hat je beim Frühstück geheimnisvoll zu schweben begonnen.[8] Sind Quanten also für die Philosophie einfach nicht relevant?

Falkenburg macht deutlich, dass genau das eine Illusion ist. Die theoretisch möglichen deterministischen Quantenwelten sind von der „verständlichen Welt“, von der z. B. Peter Bieri[9] redet, weiter entfernt, als man sich das in den schlimmsten philosophischen Alpträumen ausmalen kann. Die Rettung des Determinismus fordert einen hohen Preis:

„[Sie] verpflichtet zu unüberprüfbarer spekulativer Metaphysik“.

Was heißt das? Man muss z. B. akzeptieren, dass es eine unvorstellbare Anzahl von Parallelwelten gibt, in denen Doppelgänger von uns alle theoretisch möglichen Biographien durchleben (in Hugh Everetts Viele-Welten-Interpretation[10]). Oder man muss annehmen, dass es geheimnisvolle „verborgene Parameter“ gibt, die das Ergebnis von Quantenereignissen wie von Geisterhand festlegen (in der De-Broglie-Bohm-Theorie[11]). „Verborgen“ sind beide, Parallelwelten wie Parameter, d.h. der empirischen Überprüfung oder Messung prinzipiell unzugänglich, ähnlich wie das „unsichtbare rosa Einhorn[12].

Der Punkt ist: Man muss irgendwas Durchgeknalltes „zum Ausgleich“ annehmen, wenn man ein Weltbild ohne Zufall will.

Und das ist gerade nicht, was philosophische Anhänger des Determinismus im Sinn haben. Ihre heile Welt des 19. Jahrhunderts ist in der Physik unrettbar untergegangen, als Max Planck[13] am 14. Dezember 1900 das später nach ihm benannte Strahlungsgesetz präsentiert hat. Flapsig ausgedrückt: Honderich müsste, um physikkompatibel am Determinismus festhalten zu können, ernsthaft akzeptieren, dass einer seiner Doppelgänger in einer Parallelwelt durchaus schon schwebende Löffel erlebt hat.

  1. http://de.wikipedia.org/wiki/Laplacescher_D%C3%A4mon []
  2. http://de.wikipedia.org/wiki/Brigitte_Falkenburg []
  3. http://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:ISBN-Suche/9783642250972 []
  4. http://www.information-philosophie.de/?a=1&t=6029&n=2&y=4&c=98 []
  5. http://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Kane_%28Philosoph%29 []
  6. http://de.wikipedia.org/wiki/Geert_Keil []
  7. http://de.wikipedia.org/wiki/Ted_Honderich []
  8. http://www.ucl.ac.uk/~uctytho/dfwVariousHonderichKanebook.htm []
  9. Vom Handwerk der Freiheit, S. 15 []
  10. http://de.wikipedia.org/wiki/Viele-Welten-Interpretation []
  11. http://de.wikipedia.org/wiki/De-Broglie-Bohm-Theorie []
  12. http://de.wikipedia.org/wiki/Unsichtbares_rosafarbenes_Einhorn []
  13. http://de.wikipedia.org/wiki/Max_Planck#Plancksches_Strahlungsgesetz_und_Wirkungsquantum []