Freche Hirnforschung

Im aktuellen Philosophie-Magazin „Hohe Luft“ beklagen Tobias Hürter und Thomas Vašek die „Hybris der Hirnforschung“[1]. Sie bringen damit eine in der philosophisch-geisteswissenschaftlich orientierten Szene verbreitete Haltung auf den Punkt. Bei genauerer Betrachtung scheint mir die Sache mit der Hybris aber gerade andersrum zu liegen.

Sicher, im Einzelfall ist der Vorwurf schon mal berechtigt: Ja, es gibt „Neuromaniacs“, es gibt peinlich vollmundige Studienpromotions und Wortmeldungen[2]. Wobei man nicht vergessen sollte, dass eine gewisse Dosis PR-Frechheit in Zeiten der Drittmittelfinanzierung auch sein muss.

Versteht man ihn aber grundsätzlich, ist der Vorwurf unberechtigt. Und gemeint ist er so: Fundamental, prinzipiell, kategorisch. Er wird vorgebracht aus einem tief empfundenen Unbehagen gegenüber den Naturwissenschaften, das aufkommt, wenn diese mit ihrem „primitiven Materialismus“ in den eigenen hochgeistigen Vordergarten eindringen. Das ist verständlich: Die Idee, dass die Neurowissenschaften den drei großen Kränkungen der Menschheit (nicht im Mittelpunkt des Universums zu leben, von „niederen“ Tieren abzustammen und von Unbewusstem getrieben zu sein)[3] eine vierte hinzufüge, nämlich statt einer souveränen Seele nur das Feuern der Neuronen zu „haben“, taucht in der Debatte öfter auf.[4]

Die Naturwissenschaft in Gestalt der Hirnforschung platzt also wieder mal in bisher Philosophie und Geisteswissenschaften vorbehaltene Gesprächsrunden hinein. Sie rüttelt frech an großen Fragen der Philosophie (und behauptet auch mal in jugendlichem Übermut, sie jetzt mal eben endgültig zu klären, nachdem Jahrtausende wenig bis nichts Brauchbares auf dem Tisch gelandet sei).

Und das ist gut so. Sie hat allen Grund dazu. Den Übermut sollten wir am besten stoisch hinnehmen und trotzdem zuhören. Denn – auch wenn das Rütteln nervt, auch wenn wir am liebsten hätten, dass die Hirnforscher bei ihren Scannern und bunten Grafiken blieben und sich aus Debatten um Konzepte wie Selbst, Bewusstsein, Willensfreiheit und Verantwortung raushielten: Die Erkenntnisse, die von den Neurowissenschaften bis heute geliefert wurden und in Zukunft noch zu erwarten sind, stellen eine riesige Herausforderung und Chance für die Philosophie dar.

Um deutlich zu machen, was das bedeuten kann, nur ein Beispiel: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Sanftheit, Reinheit des Herzens und Friedfertigkeit gelten seit zwei Jahrtausenden als hohe Tugenden[5]. Und dann kommt ein Hirnforscher daher[6], sprüht Leuten das „Liebeshormon“ Oxytocin[7] in die Nase und zeigt, dass sich diese daraufhin tugendhafter verhalten und mehr Nächstenliebe empfinden.

Was sagt man dazu? „Blödsinn!“ kann einem da schon mal rausrutschen. Meine Schilderung ist natürlich auch hemmungslos komprimiert. Der springende Punkt ist aber, dass solche Ergebnisse aus neurowissenschaftlicher Sicht nicht überraschen, im Gegenteil: Sie sind aus den bisherigen Theorien und bekannten Fakten abgeleitete Hypothesen nach dem Muster „wenn die Dinge so liegen, dann müsste doch…“.

Aus nicht-neurowissenschaftlich orientierten Theorien über die menschliche Seele lassen sich dagegen gar keine Prognosen darüber abgeben, was ich erwarten muss, wenn ich mir Oxytocin in die Nase sprühe.

Aus einer solchen Position die Neurowissenschaften und ihre zentrale Annahme, dass das Seelische als Aktivität des Gehirns stattfindet, als Hybris abzutun, verkennt die Schwächen der eigenen Position. Wenn wir heute was über das Wesen des Seelischen zu sagen haben wollen, müssen wir Dinge wie die Wirkung eines Oxytocin-Nasensprays überzeugend erklären können.

Die Philosophie sollte also die Ärmel hochkrempeln. Da liegt ein Haufen Arbeit. Philosophen wie Patricia Churchland[8] oder Thomas Metzinger[9] haben das erkannt und nennen ihr Arbeitsgebiet „Neurophilosophie“.

PS: Der Oxytocin-Forscher Paul Zak, der auch „Dr. Love“ genannt wird, empfiehlt übrigens keine „Tugend-Pille“, sondern einfach öfter mal jemand in den Arm zu nehmen.

  1. http://www.hoheluft-magazin.de/ Ausgabe 2/2012 []
  2. Beispiele kann man z. B. bei Stephan Schleim nachlesen: Die Neurogesellschaft, Heise, Hannover 2011, ISBN 978-3-936931-67-9 []
  3. http://de.wikipedia.org/wiki/Kränkungen_der_Menschheit []
  4. Als Beispiel: Deutschlandfunk – Martin Ebel – Buch der Woche: ‚Das Echo der Erinnerung“ von Richard Powers‘ []
  5. http://de.wikipedia.org/wiki/Tugend#Christliche_Tugenden []
  6. http://en.wikipedia.org/wiki/Paul_J._Zak []
  7. http://de.wikipedia.org/wiki/Oxytocin []
  8. http://de.wikipedia.org/wiki/Patricia Churchland []
  9. http://de.wikipedia.org/wiki/Thomas Metzinger []