Wer heilt, muss noch lange nicht recht haben

Am Wochenende durch die Grill-Rauchschwaden im Stadtpark spaziert und über Homöopathie diskutiert. Ich habe irgendwas von „unwissenschaftlich“ gegrummelt. Das wurde mit „wer heilt, hat recht“ pariert. Ich muss zugeben: Der Gedanke hat Kraft, er überzeugt unmittelbar. Ich konnte auch nicht direkt sagen, was genau daran faul ist. Das will ich nun nachholen.

Um ein Argument zu verstehen, muss man es ausformulieren. Was also behauptet der Satz genau?

Ereignis 1: Ich habe eine Heilmethode an meinem Patienten angewendet.
Ereignis 2: Danach ist dieser wieder gesund geworden.
Schluss: Meine Heilmethode funktioniert – sie hat die Heilung bewirkt oder wenigstens zu ihr beigetragen!

Das wirkt schon nicht mehr ganz so überzeugend, oder? Falls doch, ein konkretes Beispiel:

Ereignis 1: Ich habe meinem Kind eine Schmerztablette gegeben.
Ereignis 2: Danach ist sein aufgeschürftes Knie verheilt.
Schluss: Also hat die Tablette die Wunde geheilt oder wenigstens die Heilung beschleunigt.

Dass aufgeschürfte Knie ohne Schmerztabletten ganz von alleine verheilen, weiß jedes Kind und jedes Medizinlehrbuch.

Der zugrundeliegende Fehlschluss wird in Logik-Lehrbüchern „post hoc ergo propter hoc[1] genannt (auf Deutsch: „danach, also wegen“).

Warum kann er immer wieder überzeugen, obwohl seine Unsinnigkeit eigentlich leicht zu durchschauen ist? Ich glaube, dass das daran liegt, dass er eine entscheidende Sache richtig macht: Damit ein Ereignis die Ursache von einem anderen sein kann, muss es natürlich vor diesem auftreten. Das ist eine notwendige Bedingung für einen ursächlichen Zusammenhang. Es kann also immerhin sein, dass die Methode geholfen hat. Das versteht man intuitiv, freut sich über die Erkenntnis und hakt die Sache im Kopf ab.

Und bemerkt vor lauter Begeisterung nicht, dass es aber noch lange keine hinreichende Bedingung ist: Es muss nicht sein, dass die Methode geholfen hat. Die beiden Ereignisse könnten ja auch völlig unabhängig voneinander sein, wie das viel zu frühe Klingeln meines Weckers und der danach stattfindende Sonnenaufgang.

Wobei die Unabhängigkeit noch der harmlose Fall ist. Der Zusammenhang könnte in Wahrheit sogar negativ sein: Das aufgeschürfte Knie ist – sofern die Tablette ASS[2] enthalten hat – womöglich nur trotz der Tablette verheilt: Es hat länger geblutet, weil ASS die Blutgerinnung hemmt, aber die kleine Schürfwunde hat sich schließlich doch geschlossen.

  1. http://www.philosophie-woerterbuch.de/online-woerterbuch/?title=Post%20hoc%20ergo%20propter%20hoc&tx_gbwbphilosophie_main[entry]=701&tx_gbwbphilosophie_main[action]=show&tx_gbwbphilosophie_main[controller]=Lexicon&cHash=5eaa05bb1b035c64291efc9c9f1f0eea []
  2. http://de.wikipedia.org/wiki/Acetylsalicylsäure []